wohnzimmer

Man darf es ruhig ganz klar sagen: in Berlin und vielleicht auch rund um den Globus dreht sich gerade alles um Fußball. Die Weltmeisterschaft in Brasilien hält so manchen vielleicht vom schlafen ab, aber so what? Fußball-Weltmeisterschaften sind schließlich nur alle vier Jahre. Berlin zwingt einen dieser Tage geradezu, sich mit Fußball zu beschäftigen, ob man will oder nicht. Am Brandenburger Tor ist auch in diesem Jahr die Fanmeile eingerichtet worden und in und vor den Kneipen und Bars der Stadt laufen bis spät in die Nacht die Spielübertragungen aus Brasilien. Auf eine Besonders clevere Idee des gemeinsamen WM-Guckens ist man bei Union Berlin gekommen. Im Heimstadion „An der Alten Försterei“ darf man auf dem selbstmitgebrachten Sofa sitzen und Fußball schauen. Vor Beginn der WM durften 750 Fans, die vorher ausgelost wurden, ihre Wohnzimmercouch zu den Eisernen schleppen, kutschieren oder rollen, um sich für die kommenden Spiele auf dem Rasen häuslich einrichten zu können. Schließlich bezeichnen viele Union-Fans das Stadion „An der Alten Försterei“ ohnehin schon oft als ihr zweites Wohnzimmer. Warum das ganze also nicht einfach wörtlich nehmen und das Stadion für vier Wochen zum Open Air-Wohnzimmer umfunktionieren? Bis zum Beginn der Bundesligasaison 2014/15 wäre hier sowieso nicht viel passiert.

 
Jetzt mag man sich fragen, worauf die Leute jetzt Zuhause sitzen. Eine nicht ganz unberechtigte Frage. Aber man darf davon ausgehen, dass die meisten Fans nicht ihre tatsächliche Sitzgarnitur in die Alte Försterei geschleppt haben. Stattdessen sind es eher ausrangierte Sofas, Schlafsofas aus dem Gästezimmer oder die nicht wirklich unverzichtbare Couch aus dem Jugendzimmer oder der WG-Küche. Wer sich vor kurzem erste bei Höffner eine neue Sofalandschaft gegönnt hat, das Vorgängermodell aber noch nicht entsorgt hat, konnte darauf zurückgreifen. Neben den Sofas auf dem Rasen, auf denen in etwa 3000 Berliner Fußballfans Platz finden, sind auch noch Sitzplätze auf der Tribüne zu finden. Insgesamt gibt es vor der gigantischen Wohnzimmertapete und dem XXL-Bildschirm Sitzmöglichkeiten für 12.000 Menschen. Im Vergleich zur Fanmeile ist das nicht viel, denn dort sammeln sich bis zu 100.000 Fans. Dafür aber entzückt das Köpenicker Fußballstadion mit Wohnzimmeratmosphäre, Beinfreiheit und angenehmem Abstand zum Nächsten. Und anders als am Brandenburger Tor muss man sich hier nicht die Beine in den Bauch stehen, sondern darf sein zartes Hinterteil auf die quasi bereits persönlich eingesessene Couch fläzen. Nebendran steht außerdem ein weißer Ikea-Beistelltisch mit Lampe, damit man selbst nach einsetzen der Dunkelheit noch zielsicher zum Bierbecher greifen kann.

 
Der Eintritt zu den Übertragungen der Spiele ist frei, allerdings sollte man vorher reservieren, damit man auch wirklich ins Riesenwohnzimmer rein kommt. Das wird gerade bei Deutschlandspielen eng. Bei eingefleischten Unionern kommt das Event mitunter nicht so gut an, sie beschweren sich über den kommerziellen Charakter der Veranstaltung, da diese größten Teils von Sponsoren finanziert wird. Der einmaligen Atmosphäre im Stadion und unter den Fans, für die der 1. FC Union weit über die Grenzen der Hauptstadt bekannt ist, tut dies jedoch keinen Abbruch. Überhaupt ist die WM in wenigen Tagen schon wieder vorbei. Dann gehört der Rasen wieder ganz den Eisernen.


Bild: Karin Sakrowski via flickr.com © CC BY-ND 2.0


Jörn Paschke

Ein Beitrag von Jörn Paschke

Maulbeerurgestein, begnadeter Layouter mit Spitzenideen und Hang zur Englischen Schreibschrift. Ist schuld am Maulbeerblatt Zitat: „Print ist Krieg!“