Aus den X-Tro-Ateliers in Schöneweide nach Kreuzberg
Im Rahmen der gemeinsamen Ausstellung Re_Define präsentieren neun internationale Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten im Atelierhof Kreuzberg.

Eine gemeinsame künstlerische Linie in den Werken dieser so unterschiedlich arbeitenden Künstlerinnen und Künstler war gar nicht die Absicht. Die Ausstellung „Re_Define“ im Atelierhof Kreuzberg möchte gerade in der Vielfalt der Exponate, Stile und Techniken verschiedene menschlichen Bedürfnisse, wie denken, fühlen, genießen, auf allen Ebenen ansprechen.
Gemälde von Zoran Georgiev
Bild: Zoran Georgiev

Auseinandersetzung mit Zeit und Raum

Zara Alexandrova und Zoran Georgiev aus Bulgarien fordern mit ihren technisch hervorragenden Zeichnungen und Bildern und mittels einer starken symbolischen Abstraktion zu einer intellektuellen Auseinandersetzung mit den Themen unserer Zeit heraus.

Davide Lantermoz, der auch als Fotograf für die Vogue gearbeitet hat, stellt nicht seine Fotos aus, sondern führt sich mit provozierenden Reduktionen auf Wesentliches nunmehr als Maler ein.

Sophie Fensch wird mit ihren Bildern die FreundInnen der ästhetischen Künste ansprechen – abstrakte Landschaften, mal skizzenhaft oder komplex gemalt. Die Natur, dargestellt als poetischer Moment.

Die Künstlerin Susanne Piotter gehört zu den Kunstpreisträgerinnen des Wettbewerbs “Miniaturen”, Skulptur und Objekte 2020. Ihre Artefakte aus Beton wirken wie eine Anlehnung an architektonische Bauten des Brutalismus. Sie existieren aber nicht real im urbanen Raum und widersetzen sich den vermeintlichen Vorgaben architektonischer Ästhetik.

Wie archaische Fundstücke wirken die keramischen Arbeiten von Michael Koch, Reliquien, aus einer Zeit gefallen, unklar, ob es sich dabei um Objekte der Vergangenheit oder Zukunft handelt. Trennen und zusammensetzen möchte man sie und ist schon mitten im Thema, der Frage nach Zusammengehörigkeit.

Jochen Schlick bearbeitet Papier so intensiv, bis es eine Leder-Haut Anmutung vermittelt. Darauf finden sich gemalte Spuren, Transkripte nicht entschlüsselbarer Gen-Codes, die ein wenig surreal im Bildraum schweben und dazu einladen, sich in weite, unbekannte Räume vorzuwagen.

Matthieu Séry zeigt eine konzeptuelle Arbeit, die mittels Farbdichte und Struktur die Wand einnimmt. Am Rand des Papiers geht sie in eine milchige Durchlässigkeit über, voller Tropfen und Kleckse besetzen sie pollockhaft das Papier. Da trifft pure Konzeption auf sinnlichen malerischen Duktus.

Die Bilder der in Paris ausgebildeten, ehemaligen Profitänzerin Ila Wingen hängen inzwischen an den namhaften Orten auf der großen Bühne des internationalen Kunstgeschehens. Grünen-Politikerin Claudia Roth besitzt zum Beispiel eine Arbeit von ihr und auch der Deutsche Bundestag führt seine Debatten vor der quirligen, oft humorvollen Ausstrahlung der Arbeiten dieser Künstlerin.

Ila Wingen: „Mich hat noch nie interessiert, dass ein Bild in der Wahrnehmung für sich alleine steht. Ich arbeite mit dem Bewusstsein dessen, was ein Bild umgibt, was manchmal sichtbar ist oder auch nicht. Die Geschichte des einzelnen Bildes wird also für mich immer mitbestimmt von vielen Dingen. Sie ist eine andere, sowie sich etwas verändert, hinzufügt wird oder sich im Raum bewegt. Es ist der tiefere Blick, der deutlich macht, wie flüchtig die Wirklichkeit ist, dass wir sie nicht festnageln können. Das gilt gerade für die Kunst, die immer wieder schon dabei ist, sich zu verändern, sobald man ihrer gewahr wird.“


Ein besonderer Zeitpunkt

Veränderung im Kontext der gesellschaftlichen Fragen ist der Ausgangspunkt dieser Künstlerin. Im Gespräch macht sie deutlich, wie besonders der historische Zeitpunkt ist, in dem wir leben. Der interessante Moment entstünde nicht dadurch, dass wir uns bedienen lassen und immer noch mehr konsumieren. Eine Kunstausstellung sei mit einer menschlichen Begegnung vergleichbar. Entscheidend sei, ob wir uns darauf einlassen und in den Dialog mit dieser Begegnung gehen können – unabhängig davon wie groß der persönliche Sympathiewert ist.

An der „Besonderheit“ der Corona-Situation geht auch für Ila Wingen kein Weg vorbei: „Wir befinden uns in einem Moment, in dem wir nicht nur Nahrung für Gedanken und Reflektionen oder eine Absicherung unseres Gefühls und Ängste brauchen, sondern wir sind ja gerade durch Corona in einem Prozess der Auseinandersetzung und gesellschaftlichen Veränderungen. So dass wir zurzeit eine Art „Rundumpaket“ bräuchten, ein Re-Komfort, sowohl für unser Herz, unsere Seele, aber auch für neue Gedanken und Blickwinkel.

„Wir brauchen etwas, was uns als Mensch umfassend interessiert, berührt und in Bewegung setzt.“

Das und noch viel mehr kann Kunst. Der Besuch einer Kunstausstellung jedoch ist immer auch inspirierend und bietet Impulse für eine persönliche Standortbestimmung.


Neue Horizonte

Mit der Ausstellung im Kreuzberger Atelierhof möchten die Künstler*Innen auf Kreuzberg auch auf den Kunst-Standort in Schöneweide aufmerksam machen und das Publikum dazu einladen, den persönlichen Bewegungsradien auszuweiten. Schon ein Kunstspaziergang aus dem eigenen Kiez heraus kann ganz neue Horizonte vermitteln. Und auch wenn sich viele Berliner*Innen manchmal etwas schwer tun, den eigenen Kiez zu verlassen, bietet diese Stadt so viele neue Inspirationen, wenn man sich nur ein paar Straßen weiter bewegt.


23.10.2020, 18:00 Uhr, Vernissage, Atelierhof Kreuzberg