Bildschirmfoto 2014-03-07 um 12.18.56

Das Deutsche Nationaltheater Fritzenhagen sagt Adieu

Eine abgebissene Hand klingt zwar zunächst vor allem für dessen ehemaligen Träger schmerzhaft, bietet aber ungeahnte Möglichkeiten. Erst recht, wenn dabei das so dringend benötigte Geld eine Rolle spielt. Schnell wird Hai-Alarm ausgegeben, um aus der Katastrophe Profit zu schlagen. Doch dann wächst die Hand einfach wieder nach, was das sowieso schon vorhandene Chaos perfekt macht. Das Theaterstück „Im HAIssen Schlössel am Müggelsee“ basiert unverkennbar lose auf dem Kinofilm „Hai-Alarm am Müggelsee“ von Leander Haußmann und Sven Regener, verleiht der ohnehin schon abgedrehten cineastischen Vorlage aber noch eine völlig eigene Note. So erlebt man etwa eine Delphintherapie für alle Friedrichshagener und natürlich darf der regierende Bürgermeister Berlins (bei Friedrichshagen) in diesem Reigen an Skurrilitäten ebenso wenig fehlen. Allerdings bildet das Hai-Thema eher die Rahmenhandlung für zahlreiche bunte Nummern, die in dem Stück integriert sind, so dass unter anderem die Debatte um den Fluglärm ebenfalls behandelt wird.

Verantwortlich für den komisch bis grotesken Ritt durch die gesellschaftskritisch betrachtete jüngere Lokalgeschichte ist das Deutsche Nationaltheater Fritzenhagen. „Im HAIssen Schlössel am Müggelsee“ feierte vergangenen November erfolgreich Premiere und ist nach „Cabaret Fritz“ bereits die vierte und zugleich die letzte Produktion des Gründer-Trios Peter Waschinsky, Angelika Böttiger und Mario Ecard. Denn nach der Aufführung am 16.03. im Seebad Friedrichshagen ist offiziell Schluss. Daher ist der Abend als große Abschiedsvorstellung angelegt, in der neben der letzten Produktion eben auch das Beste aus knapp fünf gemeinsamen Jahren präsentiert wird. Als besonderes Highlight zeigt Sänger, Komödiant und Stimmwunder Mario Ecard im zweiten Teil eine Neufassung von „Das Phantom der Operette“, seinerzeit das erste im Nationaltheater Fritzenhagen entstandene Stück. Die hohe Schauspielkunst von Angelika Böttiger, die einem größeren Publikum insbesondere durch ihre Rollen in den Fernsehkomödien „Krauses Fest“ und „Krauses Kur“ bekannt sein dürfte, und die mit Hingabe gefertigten und geführten Puppen von Peter Waschinsky tun ihr Übriges, um den Zuschauern ein stimmungsvolles Fest zu bereiten.
Obwohl die Qualitäten der drei Künstler hinlänglich bekannt sind und auch deren Produktionen überwiegend positive Kritiken erhielten, blieben die Besucherzahlen oft hinter den Erwartungen zurück. Aus diesem Grund entschloss man sich letztlich dazu das Deutsche Nationaltheater Fritzenhagen zu schließen. „Aufwand und Effekt standen in keinem Verhältnis. Geld verdient man ja kaum dabei, aber es soll doch Spaß machen“, lautet der einhellige Tenor des Mini-Ensembles. Im Mai 2009 wurde „das einzige Theater Berlins mit Seeblick“ eröffnet. Als Hauptspielstätte stand der Gründerzeit-Pavillon des Restaurants Weisse Villa zur Verfügung. Von den als Ziel anvisierten „ein Prozent der Friedrichshagener Bevölkerung“, also ungefähr 170 Personen, die man erreichen wollte, musste man sich alsbald verabschieden. „Wir haben vielleicht ein halbes Prozent ansprechen können“, resümiert Waschinsky. Selbst nach gut besuchten Premieren blieb die erhoffte Mundpropaganda aus. Auf Werbung setzte man zwar auch. Allerdings, in Anbetracht der Tatsache nicht subventioniert zu werden, in bescheidenem Maße.

Generell verortet Waschinsky das Problem woanders. „Im Stadttheater Cöpenick oder in Schöneiche wird in der Woche so oft gespielt, wie bei uns im ganzen Jahr. Da ist der Bedarf ein ganz anderer. Vielleicht muss man die Illusion aufgeben, dass das Edeldorf Friedrichshagen ein theaterfreundliches Klima aufweisen würde.“ Waschinsky, Böttiger und Ecard wollen auch in Zukunft noch zusammenarbeiten. Jedoch wird es vorerst keine Produktionen aus Friedrichshagen speziell für Friedrichshagen geben. Wenn im Seebad der wortwörtlich letzte Vorhang fällt, ist das lokal ansässige Theater Geschichte


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“