Mit Andreas Dresen im Kino Union
Rückblick Sonntagslese

Am vergangenen Sonntag stellte Regisseur Andreas Dresen das soeben erschienene Buch „Glückspiel“ vor, in dem der Autor Hans-Dieter Schütt eine Vielzahl von Gesprächen, die er mit Dresen führte, niedergeschrieben hat. Über anderthalb Jahre saßen beide wiederholt zusammen und Stück für Stück trugen sich somit sehr persönliche, bewegte und skurrile Etappen aus dem Leben eines der mittlerweile bedeutendsten deutschen Regisseure zusammen.
Andreas Dresen im Kino Union
Foto: Lisalotta Köhler

Während man am Sonntagvormittag im ausverkauften Kino Union den Auszügen dieses Buches und dem moderierten Gespräch vor Publikum lauschte, wurde deutlich, was für ein detailgenauer Beobachter Andreas Dresen ist. Zu jeder Erinnerung fügte er sehr bildliche Empfindungen an, alle Menschen auf seinem Wege tragen einen Charakter, den er mit ein, zwei Eigenheiten fähig ist zu beschreiben. Das Publikum war sichtbar begeistert von diesem unterhaltsamen Erzähler.

Die Polizistin, Willenbrock, Sommer vorm Balkon, Whiskey mit Wodka – seine filmischen Werke werden als so herausragend geschätzt, weil sie allesamt ein Spiegel für den größten Teil unserer Gesellschaft sind: die Mittelschicht. Dresen beschrieb, wie auffällig es sei, dass im deutschen Fernsehen zu oft polarisiert werde.

„Es gibt die Extreme reich oder aber arm, die uns unterhalten sollen“.

„Uns“ ist aber eben zum größten Teil die Postfrau, der Werkstattleiter, die Krankenschwester, der Polizist. Geregelt arbeitend mit einem regelmäßigen Einkommen – aber mit den unterschiedlichsten Nöten und Träumen. Er erzählt von Recherchen für „Willenbrock“, für die seine Dramaturgin und er einige Schichten auf der Rückbank der Berliner und Rostocker Polizeistreife saßen, um die Alltagssorgen der Uniformierten einzufangen.

Für seinen eigenen Beitrag zur Dokumentationsreihe „20x Brandenburg“, 2010 unter der künstlerischen Gesamtleitung von Andreas Dresen im RBB erschienen, begleitete er einige Tage die Produktion im Mercedes-Benz-Werk Ludwigsfelde. „Dort gehen die Arbeiter morgens rein und am Abend kommen die fertig geschraubten Autos am anderen Ende raus“, ein alltäglicher Prozess, über den nur wenige nachdenken. Es faszinierte ihn zu sehen, wie zufrieden die Arbeiter sind, erfüllt von ihrer Aufgabe und Verantwortung. Es gibt eine Vielzahl von Geschichten, die Andreas Dresen für erzählenswert hält, doch braucht es eben die intensive Auseinandersetzung damit.

Man kann vermuten, wie viel Mühe er sich schon frühzeitig mit ersten Regiearbeiten gab: Eine Anekdote, die er erzählte war folgende: Als Kind hatte er eine A4-Blatt große Puppenbühne gebastelt und drängte Freunden und Familie eine eigene Inszenierung des Ur-Faust auf. Die hagelnde Kritik von Vater Adolf Dresen, dem großen Theater-Regisseur war:

„Keine bloße Wiedergabe, Du musst dich damit auseinander setzen und eine Interpretation finden, die zeigt, was Du damit sagen willst!“

Da war Andreas Dresen 10 Jahre alt.

Puppentheater, sprich Regietheater war nicht seins. Mit dem Spiel verbindet Dresen Leichtigkeit und Experimentierfreude, eben darum versteht er den Beruf des Regisseurs als den des „Spielleiters“ eines Teams. Er merkte schnell, dass er in Teamarbeit viel erreichen kann und ließ seine Schauspieler improvisieren. „Nicht jeder ist dafür geschaffen, für viele Schauspieler ist die Improvisation ein Netz ohne Boden, das Drehbuch, an dem sie sich festhalten können gibt es in der Form nicht.“

Einige Schauspieler haben sich herauskristallisiert und sind eben mit dieser improvisatorischen Schauspielarbeit erfolgreich geworden: Axel Prahl, Steffi Kühnert, Gabriela Maria Schmeide, Andreas Schmidt, Nadja Uhl, um nur einige zu nennen.

Seinen Interpretationsansatz hat er also erfolgreich zu verteidigen gelernt, die Anerkennung seiner Filme zeigt sich in einer beträchtlichen Anzahl nationaler und internationaler Filmpreise. Dresen ist Mitglied der Akademie der Künste, der Europäischen Filmakademie, Vorsitzender der DEFA-Stiftung, mittlerweile hat er zwei Opern inszeniert.

Aber vor zwei Jahren reichte ihm das nicht mehr.

„Ich hatte das Gefühl nicht ausreichend zu tun, was ich tun könnte, ich wollte mich in irgendeiner Form gesellschaftlich engagieren.“

Wenig später schlüpfte er in eine Robe und sitzt seitdem als Laienrichter im Verfassungsgericht Brandenburg. Er berichtet von weiteren spannenden Geschichten, die ihm dort über den Weg liefen. Und von allerlei bürokratischem Neuland, doch auch das mit glänzenden Augen. Ihm scheint jede Herausforderung ein großes Ereignis.

„Glücksspiel“… Auf die Frage, was Glück für ihn bedeutet, antwortet er: „Das Glück liegt in den scheinbar kleinen Dingen. An einem Sonntagmorgen wie heute die Explosion des Frühlings zu erleben ist so eins.“ Auch seine Arbeit sieht er als Glück, weiß aber, dass man Glück mit Erfolg nicht gleichsetzen kann. „Meine Arbeit ist eine Reise, der Prozess bis zur Fertigstellung eines Filmes, nur darauf habe ich Einfluss. Der Erfolg eines fertigen Filmes ist von vielen Launen abhängig. Der Förderung, dem Publikum, manchmal vom Wetter am Tage der Premiere.“

Am Ende der Veranstaltung spricht er freudig aufgeregt davon, dass er und sein Team am nächsten Tage die interne Premiere seines neusten Filmes „Als wir träumten“ nach der Buchvorlage von Clemens Mayer, sehen werden. Erstmals würde er das geschnittene Material im Ablauf sichten, dies sei für ihn ein ganz besonderer Moment.
Die Wetterprognose ist weiter sonnig.


Lisalotta Köhler
Ein Beitrag von

Kann nicht mit der und nicht ohne die Heimat. Theatermädel, Vagabund, klassische Hupfdohle, manische Bücherhorterin, wortverliebt, nimmersatt. Zitat: „Weeß ick nich, erklär mir mal!“


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