lalue

Jörg Langelüttich ist seit 35 Jahren Kameraassistent im Dokumentar- und Spielfilmbereich. In Schöneweide eröffneten seine Frau Jutta und er die Espressobar LALÜ. Nicht nur der Kunst- und Kulturszene geben sie damit eigene Impulse.

Ein Café in Schöneweide – warum?
Wir wollten schon immer etwas mehr machen, etwas mit Kunst, Kultur, mit Ausstellungen, mit Öffentlichkeit. So war klar, dass wir nicht einfach Kaffee verkaufen würden. Wir fanden schnell Kontakt zur Schöneweider Kunstszene. Wir wollten für die Leute da sein, die Interesse an uns haben. So war unser Café immer anders als die anderen Läden in Schöneweide und nach vier Jahren brachte es dann erstmals mehr als Arbeit ein.

Aber warum habt ihr Euch gerade an diesen verlorenen Ort begeben?
Es gab bereits Uwe Quiring mit seiner QBAR – eine wirklich angenehme Fußballkneipe. Aber ein Café, in dem Milchschaum auf den Kaffee kommt und keine Schlagsahne, da war unser LALÜ tatsächlich das Erste hier. Im Übrigen war Schöneweide ja immer so ein Platz, wo man nicht zum Vergnügen hin ging. Im Osten war es nicht ansehnlich, ein verdreckter Industriestandort mit rauchenden Schloten und 25.000 Arbeitern. Als nach 1992 die Firmen dicht machten, wurde es noch trostloser. Ich hatte 1975 hier angefangen, Elektriker zu lernen. Seit damals kannte ich die Ecke und hatte keinen Vorbehalt. Als dann klar war, die Hochschule kommt, haben wir uns gesagt: „Also los!”. Ich habe ohnehin keine Berührungsängste mit derartigen Orten, ebenso wenig, wie mit sozialen Randgruppen. Rund um den Rathenau-Platz gibt es den ewigen Streit um die Obdachlosen, die sich dort treffen, die dort trinken. Einige sagen, die müssen weg. Doch ich sage nein, die müssen nicht weg, da muss nur etwas anderes dazu kommen. Es stört doch oft nur das, was vordergründig und für sich allein da ist. Mittlerweile sitzen da die Obdachlosen – saufend – und daneben sitzen die Studierenden – schreibend an ihren Semesterarbeiten – sobald die Sonne scheint.

Verändern sich mit den frisch renovierten Fassaden auch die Menschen, die hier leben?
Das Damoklesschwert der Gentrifizierung hängt auch hier über Allem und viele sind beunruhigt. Ein Schöneweider Unternehmer baut wie wild und nimmt dann Mieten von 10 Euro aufwärts. Schnell ist von Luxussanierung die Rede. Aber natürlich baut heute niemand Altbauten mit Ofenheizung. Dadurch verändert sich etwas und das ist tatsächlich nicht für alle gut. So waren auch Rufe zu hören „Scheiß Studenten, ihr versaut hier die Preise!” Darüber mag man sich wundern, aber für einen kleinen Schuhkarton im neuen Studentenwohnheim zahlen die über 300 Euro. Ansonsten sind es Familien, die hier her ziehen. Wir sehen sie kommen, aber wir sehen viele auch wieder gehen. Wenn es um die Wahl der Schule geht, erleben manch Zugezogene, dass es in Schöneweide schwierig ist. Dabei gibt es hier auch Schulen, die einen sehr guten Ruf haben, doch das muss auch erst einmal durchdringen. Und so finde ich es gut, dass sich hier all diese Veränderungen in einem gemächlicheren Gang vollziehen.Die Industriebauten am Spreeufer vergammeln ja nach wie vor. Die wurden mal gesandstrahlt, bevor die Queen kam und seither sitzen die Investoren da und warten, dass Mercedes, Adidas und Siemens kommen, um diese Riesenhallen auf Dauer zu mieten. Das wird natürlich nicht passieren. Schöneweide braucht also noch sehr viel Zeit.

In diesem Umfeld versucht Ihr Kunst und Kultur im LALÜ zu etablieren. Welche Zwischenbilanz ziehst Du nach nunmehr sechs Jahren?
Angefangen haben wir sehr ambitioniert mit Lesungen, Konzerten und Ausstellungen. Aber wir blieben über Jahre mit unserem Programm allein auf weiter Flur und so haben wir schließlich entschieden, dass wir verstärkt Projekte des Industriesalons unterstützen. Im LALÜ konzentrieren wir uns auf unsere 3 bis 4 Ausstellungen im Jahr, mit Vernissage und Finissage. Da griff eines Tages ein notwendiger Selbstschutz. Seither war nicht mehr das Ganze in Frage gestellt, denn endlich gelang es uns, wirtschaftlicher zu arbeiten. Wir mischen natürlich weiterhin mit und bringen uns ein. Vor einiger Zeit formierte sich der Schöneweider Künstlerkreis, denn es gab mittlerweile viele Kreative, die mitunter Tür an Tür ihre Ateliers hatten, aber sich untereinander nicht kannten. Nun trifft man sich einmal im Monat im LALÜ und spricht miteinander.

Das Quartiersmanagement ist ausgelaufen. Steht die Kommunalpolitik den Schöneweidern weiterhin hilfreich zur Seite?
Wenn ich mit Oliver Igel ins Gespräch komme, oder mit der zuständigen Dame, deren Name mir nicht einfällt, eben weil SIE dafür zuständig ist, dann habe ich Fragen. Und diese Fragen werden mir nicht beantwortet. Ich persönlich fühle mich da sehr allein gelassen. Spielhallen, Dönerläden, China-Imbisse, Nagelstudios – das sind Indikatoren für die Struktur in einem Kiez. Wenn es bereits vier Spielhallen gibt, fehlt womöglich keine fünfte. Und wenn es nicht möglich ist, auf die Vermieter Einfluss zu nehmen, dann müssen andere Fördermöglichkeiten gefunden werden, da ist einfach ein bisschen Fingerspitzengefühl gefragt. Die Goltzstraße ist ein positives Beispiel dafür, wie man so etwas mit einer flankierenden Planung etwas steuern kann. Allerdings fehlt es auch noch immer an Leuten mit Ideen und Traute, die etwas Eigenes entwickeln wollen und die auch die Kraft haben, ein paar magere Jahre durchzustehen. Gäbe es mehr davon, gäbe es auch mal ein Nagelstudio weniger. So würde ich mir wünschen, dass Projektentwickler sich nicht nur um das Großgewerbe am Wasser Gedanken machen, sondern dass man die andere Seite der Wilhelminenhofstraße dabei nicht vergisst.

Wie wichtig ist Eigenverantwortung?
Im LALÜ läuft vieles zusammen, denn man weiß, da bekommst Du geholfen. Ich verfüge ja oftmals auch nur über ein blödes Halbwissen, aber Du bekommst immer einen Einstieg zur Lösung Deines Problems, ob nun auswertige Künstler kurzfristig eine Unterkunft brauchen, ob Du als Ladenvermieter nicht weißt, was es mit der Anfrage eines Uniform- und Stiefelfachhandels auf sich haben könnte, und selbst wenn der Glatzkopf aus dem Nachbarhaus höflich fragt, wie er die Papiere vom Amt verstehen soll. Wie nimmst Du jenseits von Schöneweide die gesellschaftliche Realität war? Natürlich kritisch, aber auch diese Frage lässt sich hier vor der eigenen Haustür erklären. So sehe doch auch ich die Trinker auf dem Rathenau- Platz. Und im Sommer rufe ich immer mal wieder den Rettungswagen, weil einer von der Bank gefallen ist und sich den Kopf aufgeschlagen hat. Zur scharfen Beobachtung der Realität gehört jedoch immer auch die Bewertung dessen, was Du gesehen hast. Denn den Obdachlosen sehen ja alle, nur die Reaktion ist höchst unterschiedlich. Der eine wünscht ihn sich fort, der andere will ihn liegen lassen und die Studierenden gehen hin – egal wie der aussieht, egal wie verdreckt er ist – und helfen ihm hoch. Junge durchgestylte Modedesign-Mädels, von denen man das nicht erwarten würde, gehen hin und setzen ihn wieder auf die Bank. Es kommt also immer darauf an, welche Schlüsse man zieht. Es ist heute sehr leicht, den Leuten zu erklären, warum man Zypern nicht helfen muss. Wenn man sich jedoch dazu entschlossen hat in einer Gemeinschaft zu leben, ob das eine Hausgemeinschaft, ein Stadtteil oder eine Europäische Gemeinschaft ist, dann hilft man sich. Ich kann nicht sagen, ob es gut ist, dass es Europa in dieser Form heute gib. Nur ist es nun da. Und deshalb sollten wir uns helfen. Die Schwierigkeit besteht heute vor allem in den extremen Verwerfungen. Es gibt Bankenbosse, die verdienen so unvorstellbar viel, dass am anderen Ende unserer Gesellschaft das Verständnis und die Bereitschaft denen in der Krise zu helfen rapide abnimmt.

Im September ist Bundestagswahl – können und wollen die etablierten Parteien die anstehenden Probleme lösen?
Die Parteien können es nicht, denn sie sind nach oben hin ziemlich weit entfernt von einem demokratischen Verständnis. An der Basis ist das noch anders. Auf der kommunalen Ebene sind engagierte Leute unterwegs, die wirklich Dinge in Gang setzen und Probleme aus dem Weg schaffen wollen. Die Bereitschaft nimmt jedoch nach oben hin ab, weil da ganz andere Interessen greifen – Lobbypolitik, Karriereplanungen, gesellschaftliche Zwänge. Ab einem gewissen Level enden die Einflussmöglichkeiten engagierter Menschen.

Verbindest Du Chancen und Hoffnungen mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens?
Unbedingt! So bedingungslos wie es sein soll, so bedingungslos ist auch meine Forderung danach. Es ist unerträglich, wie Menschen, die über den Tellerrand unserer Gesellschaft gefallen sind, kriminalisiert werden. Vor vielen Jahren, ich war noch Schüler, da hat mein Vater zu mir gesagt: „Es wird die Zeit kommen, da ist nicht mehr genug Arbeit für alle da.“ Es ist schlichtweg nicht möglich und es ist eine Lüge, dass jeder, der arbeiten will, auch Arbeit bekommt. Es muss eine Möglichkeit geben, Menschen, die nicht mehr arbeiten können, zu entkriminalisieren. Die sitzen auf dem Amt und werden behandelt wie Räuber! Als würden sie der Gesellschaft was wegnehmen, als hätten sie kein Anspruch darauf, wenn sie nicht bestimmte Bedingungen erfüllen, die sozial gar nicht erfüllbar sind. Und dieses bedingungslose Grundeinkommen gibt jedem die Freiheit, sich in dieser Gesellschaft zu bewegen – an dieser Gesellschaft teilzuhaben. Hinzu kommt ein wesentlicher Aspekt, der geradezu genial ist: In dem Moment, in dem ich nicht mehr unter Zwang stehe, kann ich mich entwickeln und komme von ganz allein auf die Idee, eine gesellschaftlich sinnvolle Aufgabe zu übernehmen. Da führt kein Weg daran vorbei.

Was hat Dich geprägt?
Ich hatte das Glück, noch während der Lehrzeit Kontakt zu Biermann und Havemann zu haben, das hat mich geprägt. Später verschlug es mich zum Defa-Dokumentarfilm in die Kindersparte. Das war in der DDR eine kleine Dissidenteninsel. Ich hab mit den Leuten gearbeitet, die auch heute noch die bekannten Dokumentarfilmer sind. Nach der Wende war es schwer, für alle. Mich hat es durch Zufall nach Cornwall verschlagen – sieben Jahre Rosamunde Pilcher – das war schon beinahe Urlaub. Aber zwischendurch war ich immer wieder bei ernsthaften Dokumentarfilmproduktionen dabei, das war mir sehr wichtig.

Netzwerkarbeit im Kietz, Gäste im Café bedienen, am Filmset den Überblick behalten – wo siehst Du Schnittmenge in all Deinem Tun?
Der größte Teil unserer Probleme ist durch Zuhören und Toleranz lösbar. Ein Gefühl für den Anderen entwickeln, miteinander reden – darum dreht es sich immer wieder. Ob beim Film, im Café oder im Kietz. Es gibt Spielregeln, die sind unausweichlich, aber danach kommt Toleranz und die Bereitschaft, aufeinander zu zugehen.

Was wünscht Du Dir für Schöneweide?
Der Künstler Leo Königsberg schrieb sehr treffende Worte auf eine der verfallenen Werkhallen am Spreeufer: „Gib der Kunst Raum, dann wird sich die Schönheit ihrer Seele in Freiheit entfalten.“


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“